Virtuelle Fortbildungsmaßnahmen haben sich bewährt
Mit 24 Fortbildungsmodulen für Wettfahrtleiter, 20 für Schiedsrichter, 21 für Trainer und Jugendleiter sowie drei Regelkundeseminaren im Jahr 2021 kann sich die Ausbildungsleistung des Landes-Segler-Verbands Baden-Württemberg sehen lassen. Das Besondere daran: Der Unterricht fand im zweiten Corona-Jahr ausschließlich online statt.
Jürgen Graf, Jan Müller, Sophie Geiger und Timo Haß sprechen mit Anette Bengelsdorf stellvertretend für die zahlreichen Referenten über ihre Erfahrungen, sowie die Vor- und Nachteile des Formats.
A.B.: Herr Graf, wenn Sie über das vergangene Jahr Bilanz ziehen müssten, wie zufrieden sind Sie als Leiter des Lehrteams Wettsegeln mit dem virtuellen Fort- und Ausbildungsangebot Ihres Verbands?
Jürgen Graf: Ich bin sehr zufrieden. Von Januar bis Dezember haben rund 300 Personen an unseren 68 virtuellen Aus- und Fortbildungsseminaren teilgenommen. Das ist mehr als wir in den vergangenen sechs bis sieben Jahren zusammen leisten konnten. Rund 180 Teilnehmer kamen aus Baden-Württemberg, die anderen waren aus allen anderen deutschen Bundesländern und sogar aus der Schweiz.
Zudem konnten wir Referenten einladen, die wir uns aufgrund der Reise- und Unterbringungskosten für Präsenzseminare gar nicht hätten leisten können.
Jan Müller: Für ein zweistündiges Modul unter der Woche hätte ich selbstverständlich nicht kommen können. Online habe ich das natürlich sehr gerne gemacht.
A.B.: Das verstehe ich, Herr Müller. Als Landestrainer von Brandenburg kommt man nicht mal eben für zwei Stunden an den Bodensee.
Wie haben Sie denn als Referent den virtuellen Unterricht in Baden-Württemberg erlebt? Bietet er denn Vorteile?
Jan Müller: Ich habe eine wöchentliche Fortbildung für Trainer und Jugendleiter im Bereich Opti und Laser sowohl für Einsteiger als auch für Fortgeschrittene angeboten und habe damit beste Erfahrungen gemacht. Nicht nur ich, auch die Teilnehmer waren begeistert davon, nach der Arbeit ganz entspannt von zuhause aus an den zweieinhalbstündigen Seminaren teilnehmen zu können. Positiv war auch, dass sich die Teilnehmer ganz gezielt angemeldet haben, da sie aufrichtig interessiert waren und sich nicht nur berieseln lassen wollten, weil sie eine Fortbildung brauchten.
A.B.: Herr Haß, als Jugendobmann des Deutschen Segler-Verbands konnte der Landesverband Sie im vergangenen Jahr ebenfalls als Referenten gewinnen. Wie beurteilen Sie das Format?
Timo Haß: Die begrenzte Teilnehmerzahl habe ich persönlich als großen Vorteil erlebt. Mit maximal zwölf Teilnehmern konnte ich viel besser auf Themen wie die rechtlichen Aspekte der sportlichen Jugendarbeit eingehen.
Bei komplexen Spezialthemen, wie zum Beispiel Regel 69, könnten es gerne noch weniger sein. Generell ist es aber wichtig, Themen ganz klar zu definieren. Dann hat man die Garantie, dass nur Teilnehmer eingeloggt sind, die echtes Interesse haben. Je allgemeiner man es hält, desto größer ist die Gefahr, dass sich viele nur berieseln lassen.
Deshalb ist mir auch wichtig, dass alle ihre Kameras und Mikrophone aktiviert haben. Und trotzdem sehe ich nicht unbedingt, ob die Hälfte der Teilnehmer bereits geistig ausgestiegen ist. In diesem Punkt fehlt mir die direkte Interaktion.
Jan Müller
Dagegen hilft, Teilnehmer beim Namen zu nennen und ab und zu persönlich anzusprechen. Wichtig ist aber auch immer die Abwechslung mit Videos und Präsentationen.
A.B.: Was glauben Sie, sind Online-Seminare denn ein vollwertiger Ersatz für Präsenzveranstaltungen?
Jan Müller: Ich habe meine Kurse ohne Unterbrechung auch in den Sommermonaten und unter der Woche angeboten. Die Reaktionen waren unfassbar positiv, da die Teilnehmer das Erlernte sofort in ihrem Training anwenden konnten und ein direktes Feedback von den Kindern bekamen. Das alleine spricht ganz klar für das Format.
Sophie Geiger: Als Mitglied des Lehrteams und Referentin für Wettfahrtleiter-Seminare habe ich mich auch als Teilnehmerin eingeloggt und kann sagen, Jans Online-Seminare waren nicht anders als ein Präsenz-Seminar. Jan hat Modelle in die Kamera gehalten, konnte so die Trimmeinrichtungen zeigen und spielte Videos ein, um die Bewegungsabläufe zu erklären.
Mir fiel auf, dass die Seminare von Leuten besucht waren, die man sonst eher selten trifft. Manche aus dem Anfängerbereich wollten vermutlich mal in eine höhere Liga schnuppern. Online ist die Barriere eben nicht so hoch wie im Präsenzunterricht. So kann man sich einwählen, um dann zu entscheiden, ob es passt oder nicht.
Aber Trainerseminare sind auch nahe an der Realität und alle Teilnehmer bringen praktische Erfahrung mit. Dadurch werden sie spontan und vielfältig. Regelkundeseminare und Fortbildungen für Schiedsrichter und Wettfahrtleiter sind dagegen sehr abstrakt. Teilnehmer sind vielleicht zweimal im Jahr im Einsatz und viele sind Einsteiger und bringen gar keine Erfahrung mit. Dann sind sie oft gehemmt und die Interaktion läuft eher schleppend. Da muss man als Referent viel kleinschrittiger arbeiten.
Jan Müller: In Berlin sind Präsenz-Seminare ja kein Problem. Dort ist man innerhalb von kürzester Zeit am Austragungsort. Aber in Baden-Württemberg fährt der Segler aus Rastatt nicht unter der Woche für zwei Stunden nach Überlingen am Bodensee.
A.B.: Wie sieht die Zukunft aus? War die rege Teilnahme an den Online-Seminaren ein Covid-Effekt und kehren Sie nach der Pandemie wieder zu den alten Mustern zurück?
Jürgen Graf: Nein, sicher nicht. Wir denken aber über ein Hybridmodell mit einem Viertel Präsenz- und drei Vierteln virtuellen Seminaren nach, um unser Angebot weiter auszubauen.
Im deutschsprachigen Raum haben wir leider das Problem, dass wir nicht wie beispielsweise der Britische Segler-Verband Referenten aus aller Welt – die ja alle Englisch sprechen - holen können. Trotzdem könnten wir uns für die Zukunft eine Trainer-B-Ausbildung auch mit englischsprachigen Referenten vorstellen. Das ist eben nur online möglich.
Fotos: Christian Beeck, Anette Bengelsdof, privat








